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Marktkommentare
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Werden Börsen überleben? Aktienmärkte nach der Ära des Parketts
27. Oktober 2026 · Analyse von Forschung und amtlichen Daten. Grafiken: USA 1990–2025, monatliche SEC-Beobachtungen 2005/2014/2026; WFE-Statistik für 2025. Szenarien sind keine numerischen Prognosen.
Börsen werden wahrscheinlich überleben, doch ihre Infrastruktur könnte künftig ganz anders aussehen. Beständiger als ein bestimmtes Parkett oder ein einzelner Betreiber sind die Bedürfnisse von Unternehmen und Anlegern: Kapital aufnehmen, Preise bilden, Liquidität bereitstellen und glaubwürdige Handelsregeln sichern. Das ist eine vorsichtige Schlussfolgerung aus der Forschung, kein wissenschaftlicher Beweis für einen ewigen Fortbestand der Börsen.
1. Der Markt ist weiterhin enorm
Die WFE beziffert die weltweite Aktienmarktkapitalisierung Ende 2025 auf 151,94 Billionen USD, 18,5% mehr als im Vorjahr. Es gab 1.471 Börsengänge, während das dabei aufgenommene Kapital um 42,7% stieg. Diese Größen messen Unterschiedliches: Die Marktkapitalisierung bewertet die ausstehenden Aktien; sie ist kein neu in Unternehmen eingezahltes Geld. Auch Aktienkurse und Wechselkurse können ihr Wachstum erklären. WFE, 27. Februar 2026
2. Weniger börsennotierte Unternehmen bedeuten nicht das Ende der Börse
Die amtliche Zeitreihe der Weltbank zeigt einen Rückgang der inländischen börsennotierten Unternehmen in den USA von 8.090 im Jahr 1996 auf 3.908 im Jahr 2025 — um 51,7%. Gezählt werden damit nicht sämtliche Wertpapiere, ETFs oder Zweitnotierungen ausländischer Unternehmen. Ein Wechsel des Datenanbieters im Jahr 2015 schränkt die vollständige historische Vergleichbarkeit ein. Weltbank/WFE, CM.MKT.LDOM.NO
Die Technologie ist nicht die einzige Erklärung. Ewens und Farre-Mensa zeigen, dass Veränderungen an den US-Privatkapitalmärkten es Start-ups ermöglichten, länger ohne Börsennotierung auszukommen. Das erklärt nicht den gesamten späteren Rückgang der notierten Emittenten. Für die Zukunft folgt daraus: Börsen müssen Unternehmen davon überzeugen, dass Liquidität, Sichtbarkeit und der Zugang zu einer breiten Anlegerbasis die Kosten einer Notierung und die Offenlegungspflichten rechtfertigen. Ewens und Farre-Mensa, RFS 2020
3. Börsen als Referenzpunkte in einem Netz von Handelsplätzen
Der Ort der Notierung und der Ort der Handelsausführung sind nicht dasselbe. Nach den von der SEC angeführten Daten stieg der außerbörsliche Anteil am Handelsvolumen von Nasdaq-notierten Aktien von 29,4% im Februar 2005 auf 51,9% im Januar 2026. Für NYSE-notierte Aktien lagen die Werte bei 13,0% und 47,0%. Die Grafik enthält drei monatliche Momentaufnahmen, keine Jahresdurchschnitte. Außerbörslicher Handel bedeutet nicht automatisch unregulierte Tätigkeit. SEC-Veröffentlichung 34-105655, S. 13, Fußnote 40
Diese Aufteilung belegt nicht, dass Börsen verschwinden werden. Foucault und Menkveld zeigen, dass Wettbewerb zwischen Handelsplätzen bei geeigneter Auftragsweiterleitung die Tiefe des konsolidierten Orderbuchs erhöhen kann. Zhus Modell zeigt, dass Dark Pools unter bestimmten Bedingungen die Preisfindung an einer Börse mit sichtbaren Orders verbessern können, obwohl ein Teil der Liquidität abwandert. Das sind bedingte Ergebnisse, keine Aussage, dass jede Fragmentierung hilfreich sei. Eine mögliche Zukunft ist ein Netz kooperierender und konkurrierender Handelsplätze, das weiterhin verlässliche Referenzpreise benötigt. JF 2008 · RFS 2014
4. Automatisierung: bessere Liquidität, aber nicht jedes Wettrennen ist produktiv
Hendershott, Jones und Menkveld zeigen, dass die damalige Automatisierung der NYSE die Liquidität vor allem bei großen Aktien verbesserte. Das ist kein Beleg für die Wirksamkeit heutiger Agenten auf Basis generativer KI. JF 2011
Aquilina, Budish und O’Neill stellen in einer historischen LSE-Datenstichprobe von 2015 fest, dass Latenzarbitrage-Wettrennen etwa 20% des Handelsvolumens ausmachten und sechs Firmen für mehr als 80% der Siege und Niederlagen in diesen Rennen verantwortlich waren. Die geschätzte Senkung der Liquiditätskosten um 17% durch Beseitigung dieses Mechanismus ist eine kontrafaktische Berechnung der Autoren, keine tatsächlich erzielte Ersparnis oder aktuelle weltweite Messung. QJE 2022, Materialien des Autors
Budish, Cramton und Shim schlagen häufige gebündelte Auktionen vor: Innerhalb desselben kurzen Zeitfensters eingehende Orders werden gemeinsam verarbeitet. Das verringert den Wert winziger Geschwindigkeitsvorteile und verlagert den Wettbewerb stärker auf den Preis. Das ist ein modellgestützter Vorschlag, kein allgemein eingeführter Standard. Ein späteres Modell von Budish, Lee und Shim erklärt, weshalb Einnahmen aus dem Verkauf von Geschwindigkeit die Reformanreize der Betreiber schwächen können. QJE 2015 · JPE 2024
KI kann Analysen und Aufsicht erweitern. Der FSB benennt jedoch Risiken gemeinsamer Modelle, konzentrierter Anbieter, Cyberangriffe und Desinformation. Widerstandsfähigkeit und die Qualität der Marktregeln könnten deshalb wichtiger sein als Geschwindigkeit allein. FSB 2024
5. Tokenisierung verändert die Erfassung von Rechten, nicht die Ökonomie des Marktes
Tokenisierung bildet Ansprüche auf Vermögenswerte digital auf einer programmierbaren Plattform ab. Sie kann Eigentumsübertragungen und die Zahlungsabwicklung vereinfachen. Ein Token allein garantiert jedoch weder Liquidität noch Aktionärsrechte oder eine sichere Wertpapierabwicklung. Die BIZ betont die Bedeutung des Abwicklungsgeldes und einer kohärenten Infrastruktur; ihr Ansatz erfordert nicht immer eine öffentliche Blockchain. BIZ, Annual Economic Report 2025, Kapitel III
Eine EZB-Studie von 2026 findet in einer kleinen, überwiegend europäischen Stichprobe von 23 tokenisierten und 49 vergleichbaren herkömmlichen Anleihen einen im Durchschnitt um 0,14 Prozentpunkte niedrigeren Renditeaufschlag bei Emission. Eine statistisch signifikante Senkung der Emissionsübernahmegebühren wird nicht festgestellt. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie zu Anleihen, nicht um einen Beweis für identische Vorteile bei Aktien oder das Verschwinden von Intermediären. Born u. a., EZB Macroprudential Bulletin 33, 2026
Die regulatorischen Veränderungen sind konkret: Am 17. September 2026 kündigte die SEC eine befristete, an Bedingungen geknüpfte Ausnahme für bestimmte Handelsplätze tokenisierter NMS-Aktien an. Zu den Auflagen zählen gleichwertige Anlegerrechte und Handelsunterbrechungen im Einklang mit der primären Notierungsbörse. Das ist keine pauschale Genehmigung für jedes als „tokenisierte Aktie“ bezeichnete Produkt. SEC, 17. September 2026
6. Längere Handelszeiten und schnellere Abwicklung haben ihren Preis
Am 10. April 2026 genehmigte die SEC eine Nasdaq-Regeländerung, die 23 Handelsstunden pro Tag an fünf Tagen pro Woche vorsieht. Allein der Genehmigungsbescheid bestätigt keine vollständige operative Einführung. Das unterscheidet sich auch von einem Handel rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche. SEC, 34-105199
Die Abwicklung — die endgültige Übertragung von Wertpapieren und Geld — ist ein separates Thema. Für die meisten von der US-Regel erfassten Geschäfte gilt seit dem 28. Mai 2024 T+1: der nächste Geschäftstag, nicht genau 24 Stunden. T+0 bedeutet am selben Tag; es muss keine sofortige atomare Abwicklung bedeuten. SEC, T+1
Das Zahlungsnetzwerkmodell von Capponi und Chang zeigt einen Zielkonflikt: Schnellere Abwicklung verringert das Gegenparteirisiko, kann aber die Vorteile der Verrechnung von Verpflichtungen reduzieren und den Liquiditätsbedarf erhöhen. Die optimale Geschwindigkeit hängt vom Netzwerk und den Finanzierungsbedingungen ab. Es handelt sich um ein vorläufiges Arbeitspapier, nicht um ein allgemeingültiges empirisches Ergebnis oder eine Position der Fed. FEDS 2025-101r1, überarbeitet 2026
Redaktionelle Schlussfolgerung: Ständige Verfügbarkeit garantiert nicht zu jeder Uhrzeit einen gleich tiefen Markt.
7. Was wird am ehesten überleben?
Redaktionelle Schlussfolgerung: Eine Weiterentwicklung der Börsen ist plausibler als das Verschwinden ihrer Funktionen. Das garantiert weder das Überleben eines bestimmten Betreibers noch Erträge auf dessen Aktien.
Im Basisszenario bestehen traditionelle Börsen neben alternativen Handelsplätzen und integrieren Daten, Automatisierung sowie neue Abwicklungsformen. Bei einem schnelleren Wandel gewinnen Tokenisierung und längere Handelszeiten Marktanteile, wenn sie niedrigere Gesamtkosten, Rechtssicherheit und ausreichende Liquidität bieten. Bei einem stockenden Wandel verzögern Cybervorfälle, Fragmentierung oder Finanzierungsprobleme die Einführung. Diesen Szenarien werden keine numerischen Wahrscheinlichkeiten zugewiesen.
Fortschritt sollte an messbaren Ergebnissen beurteilt werden: Spreads und Markttiefe, Kosten der Kapitalaufnahme, Nettozahl der börsennotierten Unternehmen nach Neuzugängen und Delistings, Ausfällen und sicheren Eigentumsrechten. Handelszeiten oder das Vorhandensein einer Blockchain allein zeigen nicht, ob ein Markt besser funktioniert.
8. Methode und Literatur
Dies ist eine selektive Forschungsübersicht, keine systematische Metaanalyse. Der Zugang zu Ergebnissen von Google Scholar war eingeschränkt; Publikationsangaben und Erkenntnisse wurden anhand von Verlagen, Autoren und Forschungsinstitutionen überprüft. Begutachtete Fachartikel (QJE, JF, JPE, RFS) werden von der EZB-Studie, einem vorläufigen Fed-Arbeitspapier sowie amtlichen Daten und Mitteilungen unterschieden. Jede Grafik behält ihren Beobachtungszeitraum und ihre statistische Grundgesamtheit bei. Die Szenarien sind redaktionelle Interpretationen ohne erfundene numerische Prognosen.
Vollständige Titel, DOI, Quellen und Grafikdaten: WMA-Quellen- und Berechnungsverzeichnis. Bildungsinformation, keine Anlageempfehlung.
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